Zwischen Freifall und Größenwahn: Die Identitäre Bewegung in Berlin

Nipster auf Kaltland-Reise

Berge, rauschende Wellen, eine idyllische Kleinstadt, wieder ein Bergmassiv: Wer den Hashtag #Kaltlandreisen auf Instagram sucht, sieht romantisierte Bilder deutscher und österreichischer Städte und Landschaften. Und dann: „No Asyl“. „Grenzen ziehen“. „Ein Prozent für unser Land“. Ein Blick auf die verschiedenen Bilder verrät, dass sie größtenteils aus einem Kreis gleicher und zusammenhängender Accounts stammen. Mit Namen wie „Unser Ursprung“, „Fußmarsch“, „Kiezpatrouille“, „frnz the 1st“ oder „rebellanie“ tauchen in der rosa-bunten Instagramwelt Personen auf, die sich selbst als „Nipster“, als „Nazi-Hipster“, bezeichnen. Und die vor allem eines gut können: Sich inszenieren.

Zwischen den Symbolbildern für Heimatliebe und Tradition tauchen immer wieder auch solche auf, auf denen Aktionen der „Identitären Bewegung“ zu sehen sind. Stolz postet da „Rebellanie“ – beziehungsweise Melanie Schmitz – in der polizeilichen Maßnahme. Aus den zig Fotos der gescheiterten Aktion am 21. Mai in Berlin[1] verbreitet sie eines von nur sehr wenigen Fotos auf denen sie so aussieht, wie sie gesehen werden will: Selbstbewusst, stark, jung und rebellisch. Zu sehen ist noch, dass sie das Bild aus der Galerie des Fotografen Theo Schneider hat[2]. Was mensch nicht sieht: Die Momentaufnahmen, die etwas ganz anderes zeigen – nämlich ein Häuflein von Personen, das sich offenbar weder in der Situation noch in der eigenen Haut sonderlich wohlfühlt. Unsichere Blicke, eine verzweifelte Hinlege-Aktion, keine Spur mehr von Rebellion und Selbstbestimmtheit. Ein ähnliches Schauspiel gibt es von Alexander Malenki, ein Philipp Thaler verzichtet lieber ganz auf Selbstporträts vom Ereignis. „Chef“ Martin Sellner thematisiert die Aktion auf seinem hippen Fotokanal erst gar nicht.

Die Aktion in Berlin und der Umgang der neurechten Akteur*innen mit ihr zeigt beispielhaft, was die „Identitäre Bewegung“ aktuell ist und was sie kann. Die meist recht jungen Neofaschist*innen, die sich selber als „Aktivisten“ bezeichnen, setzen auf Image und Optik. Sie holen aus jeder Aktion genau nur das raus, was sie verwenden wollen – und nutzen das aber, so viel es geht. Und in jedem Fall spielen sie sich wesentlich größer als sie eigentlich sind.

Was planen die Rechten?

Am 17. Juni 2017 findet in Berlin eine Demonstration der „Identitären Bewegung“ statt. Zur Großdemonstration aufgespielt muss sie für die Neurechten auch genau das werden, um nicht vollends in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Neben der verfehlten Blockade-Aktion am 21. Mai in Berlin scheiterte bereits am 1. Mai eine Aktion der Identitären in Wien – vor allem aufgrund von Mangel an Teilnehmer*innen[3]. Ende Mai wurde der Kongress „Verteidiger Europas“, der am 30. September 2017 in Linz stattfinden sollte, abgesagt[4] – und mit ihm eines der großen Vernetzungsevents der Identitären und Rechtsaußenpolitiker*innen. Während die Identitären sich als europaweite Bewegung inszenieren, fällt auf, dass von ihnen in eben diesem ganzen Europa, die immer gleiche Handvoll Personen agiert. Und weiter: Dass sie in Österreich aktuell zu scheitern droht und sich daher auf Aktionen wie am 21. Mai und 17. Juni in Berlin und auf Gruppen wie die „Kontrakultur Halle“[5] konzentriert.

Wenn die „Identitäre Bewegung“ am 17. Juni in Berlin aufmarschiert, dann wird sie – wie auch schon 2016 – ein weiteres Mal den Tag des Arbeiteraufstands in der DDR instrumentalisieren. Sie wird eine große Mobilisierungsreichweite haben, junge Burschenschaftler und andere „Nipster“ anziehen[6]. Dabei agiert die „Identitäre Bewegung“ nicht unabhängig und eigenständig, sondern mit offensichtlicher Unterstützung durch die AfD[7] – was aber spätestens nach den Reden Höckes[8] und Tillschneiders[9] beim neurechten „Institut für Staatspolitik“ nicht überraschen kann.

Was die Neurechten möglicherweise selber überrascht, ist das Anbiedern PEGIDAs – bei der Kundgebung am 29. Mai 2017 wurde bekannt gegeben, dass die Dresdner Neofaschist*innen eine Anreise nach Berlin organisieren[10]. Während die „Identitäre Bewegung“ bereits öffentlich bei PEGIDA-Aufmärschen auftrat und diese unterstützte[11], könnte die Unterstützung durch einen sächsischen Neonazi- und Rentner*innenblock – und vor allem die Implikation, dass diese notwendig sei – durchaus die Selbstinszenierung der hippen Bande zerstören.

Es ist allerdings auch damit zu rechnen, dass die Identitären nicht nur zu einer Demonstration in Berlin aufschlagen, sondern in der Stadt und im Umkreis weitere Aktionen proben[12]. Ähnliches geschah bereits, nach dem die letzte „Winterakademie“ des „Instituts für Staatspolitik“ identitäre Gruppen aus Deutschland und Österreich nach Schnellroda lockte[13] und die Neofaschist*innen wenige Tage später in Dresden ein Transparent an einer Kunstinstallation anbrachten[14]. Als „Sport“ getarnte militarisierte Aktionen tragen dabei sowohl zur Öffentlichkeitswirksamkeit als auch zur allgemeinen Verharmlosung und Relativierung bei[15].

Gegenaktionen

Für den Aufmarsch in Berlin sind selbstverständlich Gegenaktionen geplant!

Das Bündnis „Berlin gegen Rechts“ ruft zu Protest und Blockaden[16]
Der Protest startet um 12:00 Uhr, die genauen Orte werden noch bekannt gegeben. Selbstverständlich sind eigenständige Ortswahl und Kreativität häufig eine gute Idee.

Haltet euch auf dem Laufenden!

Anreise aus Leipzig

Prisma Leipzig organisiert eine gemeinsame Fahrt nach Berlin[17]
Um 08:45 Uhr ist am 17.06.2017 Treffpunkt an Gleis 2 des Leipziger Hauptbahnhofs.

Informiert euch!

Außerdem finden, von Prisma Leipzig organisiert vorher verschiedene Vorträge statt:

  1. https://www.antifa-berlin.info/recherche/1369-19052017—identitren-aktion-am-innenministerium []
  2. https://www.flickr.com/photos/theoschneider/sets/72157683912022966 []
  3. http://vonnichtsgewusst.blogsport.eu/2017/05/14/avantgarde-oder-doch-eher-am-arsch-vom-freien-fall-der-identitaeren-bewegung-oesterreich/ []
  4. http://www.nachrichten.at/nachrichten/politik/landespolitik/Verteidiger-Europas-sagen-rechten-Kongress-in-Linz-ab;art383,2579638#ref=rss []
  5. https://nohalgida.wordpress.com/2016/10/11/kontrakultur-halle-und-die-immatrikulationsfeier-der-uni-halle/ []
  6. https://linksunten.indymedia.org/de/node/213647 []
  7. http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2017/05/21/nach-identitaeren-aktion-polizei-ermittelt-gegen-afd-mitglied_23782 []
  8. https://www.tagesschau.de/inland/hoecke-rede-101.html []
  9. https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Thomas_Tillschneider#Sonstige_Aktivit.C3.A4ten []
  10. https://twitter.com/wenig_worte/status/869265214683873284 []
  11. https://www.neues-deutschland.de/artikel/1028875.nazis-und-identitaere-bei-pegida-jahrestag-in-dresden.html []
  12. https://twitter.com/MenschMerz/status/867692545802981376 []
  13. http://kaltland.blogsport.eu/reiseberichte/eine-landpartie-oder-warum-schnellroda-nicht-auf-ziegen-reduziert-werden-sollte/ []
  14. http://www.radiodresden.de/nachrichten/lokalnachrichten/transparent-an-monument-bussen-am-dresdner-neumarkt-installiert-1288615/ []
  15. https://twitter.com/MenschMerz/status/867462589067997184 []
  16. https://berlingegenrechts.de/2017/05/22/alter-was-geht-keine-identitaere-demo-in-berlin-am-17-06/ []
  17. https://www.facebook.com/notes/prisma-leipzig/gegen-die-neue-rechte-in-theorie-und-praxis-veranstaltungsreihe-gemeinsame-anrei/1305443059540060/ []

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