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Reisebericht: 1. Mai in Gera – „Die Provinz aufwühlen!“

„Nazis gibt’s in jeder Stadt“ – Über den 1. Mai 2017 haben wir schon viele Worte verloren, aber immer noch ein paar übrig: Unseren Reisebericht aus Gera. Unseren Aufruf könnt ihr hier noch einmal nachlesen.

Wir haben an diesem Tag die antifaschistische Demonstration[1] gegen den „III. Weg“-Aufmarsch unterstützt. Die neonazistische Kleinstpartei lief dort in Abspaltung zu „Die Rechte“, die in Halle aufmarschierte, und den „Autonomen Nationalisten“, mit denen sie sich ein Jahr zuvor in Plauen zerstritten hatte[2].

In Gera am Hauptbahnhof angekommen, blickten wir in viele motivierte Gesichter und erlebten den Beginn einer cool organisierte Demo: Zur Stärkung gab es leckere Wraps und Unmengen an Wasser. Zur Sicherheit war Pyrotechnik mit angemeldet. Die Menschen waren entschlossen, deutlich und solidarisch.

Worum es ihnen ging?

„Die Provinz aufwühlen“ – keine Rückzugsräume für neonazistische Gruppen lassen, keine Wohlfühlzonen für Faschist*innen. „Antifa bleibt Landarbeit“ – auch in kleineren Städten und vor allem ihrer Umgebung Vernetzung zwischen Antifaschist*innen schaffen, Menschen ermutigen, Menschen handlungsfähig machen und Freiräume zu schaffen. Und dabei nicht vergessen eine deutliche Kritik zu formulieren, an den menschenverachteten Ideologien der Nazis und gesellschaftlichen Verhältnissen, die solche überhaupt denkbar machen. Warum auch Gera – mit immerhin 100.000 Einwohner*innen – unter das Wort „Provinz“ fällt, erklärten die Antifaschist*innen zum Auftakt der Demo in einem Redebeitrag[3].

Wir würden mal sagen? Ziel erreicht.

Nicht nur, dass anfangs 400, später 600 Menschen gegen den „III. Weg“ protestierten: 200 von ihnen gelang außerdem eine Sitzblockade, die den Neonazi-Aufmarsch verzögerten und dessen Route änderte[4]. Sie ließen sich auch von einer Polizei nicht abhalten, die Pfeffer, Knüppel und sogar eine Hundestaffel für angemessenes Vorgehen gegen die friedlich Blockierenden hielt[5]. Auch innerhalb der Protestkundgebung am Start- und Endpunkt der Nazidemo zeigte die Polizei sich eher repressionsfreudig als verhältnismäßig und trat gegenüber Teilnehmer*innen und Ordner*innen teilweise provozierend auf[6]. Auch an Zwischenkundgebungspunkten der Neonazis gab es Protest – der dabei massiver Einschüchterung durch Anti-Antifafotografen ausgesetzt war[7] und einer Polizei, die dies ermöglichte, während nicht-rechte Fotograf*innen gestresst wurden[8]. Umso mehr möchten wir all den Menschen danken, die mit Entschlossenheit, Deutlichkeit und viel Kreativität protestierten!

Angesichts des wunderbaren Protestgeschehens waren wir kurzzeitig ja völlig begeistert, als zum Start des „III. Weg“-Aufmarschs roter Rauch aufstieg – mussten allerdings feststellen, dass es sich dabei leider nicht um eine coole Protestaktion handelte, sondern um völkische Opferinszenierung der Rechten: Umgeben von dichtem Rauch marschierte man mit Trommeln und Einheitskleidung über eine Europaflagge hinweg[9], ein paar Menschen in Matrosen- über der „Heimat, Familie, Tradition“-Uniform trugen ein Schlauchboot[10]. Das Szenario hätte komisch anmuten können, wären hier nicht Faschist*innen eine riesige Route durch Gera gelaufen, die sich in aller Offensichtlichkeit an neonazistischen Symboliken und Orten orientierten[11]. Der „III. Weg“ muss, auch wenn er sich an diesem Tag deutlich reduziert hat, ernst genommen werden, rekrutiert er sich doch aus neonazistischer Kameradschaftsszene und NSU-Umfeld und wird teilweise genutzt, um verbotene Kameradschaften am Leben zu halten[12].

Wir freuen uns, mit dieser Einschätzung nicht allein zu sein. Natürlich: Es hätte besser sein können[13]. Weitaus besser[14]. Auch „weniger Nazis als sonst“ sind immer noch zu viele Nazis. Während die Antifa-Demo nach ein paar hundert Metern gestoppt wurde, konnte der „III. Weg“ teilweise ungestört eine riesige Route durch Gera laufen. Menschen, die sich nicht einschüchtern lassen, die Widrigkeiten trotzen und für ihre Überzeugungen einstehen, sind etwas anderes als eine tausende auf die Straße bringende breite Mobilisierung der Zivilgesellschaft. Aber auch – und vor allem – wenn letztere fehlt, halten wir es für wichtig, auch die kleinen Erfolge zu feiern. Und wetten fest darauf, dass all die Antifaschist*innen, die am 1. Mai in Gera unterwegs waren, immer und immer wieder auf die Straße gehen, wenn es nötig wird: Die Provinz aufwühlen!

  1. http://geraaufwuehlen.blogsport.de/ []
  2. https://jungle.world/artikel/2017/16/schlechte-erinnerungen-halle []
  3. http://landarbeit.blogsport.de/2016/09/15/redebeitrag-antifa-bleibt-landarbeit-10-09-2016/ []
  4. http://geraaufwuehlen.blogsport.de/2017/05/01/pressemitteilung-des-antifaschistischen-buendnisses-die-provinz-aufwuehlen []
  5. https://twitter.com/AnnetteLudwig/status/859002763094630400 []
  6. https://twitter.com/Kaltlandreisen/status/859037716545245184 []
  7. https://twitter.com/Kaltlandreisen/status/859009881529094146 []
  8. https://twitter.com/SoerenKohlhuber/status/859009613060091905 []
  9. https://twitter.com/SoerenKohlhuber/status/858994715286491136 []
  10. https://twitter.com/conligit/status/859296212935208960 []
  11. https://twitter.com/luna_le/status/859012300673601537 []
  12. http://geraaufwuehlen.blogsport.de/2017/05/01/pressemitteilung-des-antifaschistischen-buendnisses-die-provinz-aufwuehlen/ []
  13. https://www.kuhle-wampe.de/essacher-luft-vs-dritter-weg/ []
  14. https://www.facebook.com/soeren.kohlhuber/posts/1028791660589220 []

Nazis gibt’s in jeder Stadt! – Teil 1: Gera

…am 1. Mai kann mensch diese Parole ebenso wortwörtlich nehmen wie ihre Fortsetzung, denn auch in diesem Jahr schlagen in vielen Städten neonazistische Gruppen auf. Und stoßen glücklicherweise auf Widerspruch!

Wir wollen uns an dieser Stelle nicht dem Gesamtüberblick[1] widmen, sondern genauer Richtung Gera, Halle, Bautzen und Dresden blicken. Wurde zum „Tag der Arbeit“ 2016 noch geschlossen in Plauen aufmarschiert, so geht man bei den Nazis in diesem Jahr getrennte Wege. Die Kleinstpartei „Der III. Weg“ ruft nach Gera auf, „Die Rechte“ marschiert in Halle[2]. In Bautzen läuft die NPD auf[3], in Dresden …nun ja, es ist Montag[4].

Schauen wir zunächst nach Gera, denn wir haben beschlossen, die Antifaschist*innen dort zu supporten. Mit dem III. Weg kündigen sich dort nicht nur völkische Nationalist*innen wie der Bundesvorsitzende der Partei, Klaus Armstroff, Tony Gentsch, Nico Metze und Milàn Szèth an [2], sondern mit ihnen gewaltbereite Neonazis, wie sie in jüngerer Vergangenheit 2015 durch Saalfeld[5] und eben 2016 durch Plauen[6] marschiert sind. Unter dem Motto „Kapitalismus zerschlagen – für Familie, Heimat, Tradition“ ist ihr Ziel nicht nur, faschistische Ideologie durch Gera zu tragen, sondern offensichtlich auch die Kundgebung zum 1. Mai des DGB zu stören, wie bereits in Zwickau oder Weimar geschehen – und durch die Stadt Gera mit Hör- und Sichtweite zur Gewerkschaftskundgebung ermöglicht[7].

Unter dem Motto „Antifa bleibt Landarbeit“ stellen sich Antifaschist*innen dem Naziaufmarsch entgegen[8]. Weshalb das antikapitalistisch tönende Motto der Neonazis nichts als Farce ist – und warum es immer und über all wichtig ist, Nazi-Aufmärsche zu verhindern und Faschismus unter jedem Deckmantel entgegen zu treten – ist im antifaschistischen Aufruf gut erklärt[9]: Es handelt sich in keiner Weise um irgendeine Form von Gesellschaftskritik, sondern um ein klassisches Schaffen von Feindbildern, die sich aus Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und dem „Die da oben“ speisen. Komplexen Problemen wird mit einfachen Lösungen begegnet, mit völkischem Nationalismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Auch historisch hat der neonazistische Aufmarsch mit Arbeiter*innenkämpfen nichts am Hut, wurde aber auch zur Zeit des Nationalsozialismus für die eigene Ideologie instrumentalisiert.

Worum es stattdessen geht? Macht, Gewalt, das Bild der Vorherrschaft: Bereits bei einer Vorabdemonstration des III. Weg am 22. April 2017 kam es in Gera zu Angriffen auf umstehende Personen[10]. Damit, wie auch mit den Angriffen der Vorjahre, größtenteils ausbleibender Strafen[11] und einer einhergehenden Mythenspinnung – 2016 drohten die Neonazis der Polizei damit, sich wie ein Jahr zuvor in Saalfeld zu verhalten, wenn ihrem Willen nicht entsprochen wird[12] – schaffen die Neonazis genau die Angstkulisse, in der sie agieren wollen. Dem gilt es mit aller Deutlichkeit zu widersprechen!

Wir werden mit vor Ort sein, uns der Gegendemonstration anschließen und rufen alle engagierten Antifaschist*innen auf, dies ebenfalls zu tun!

Die Demonstration startet am 1. Mai 2017 um 10:00 Uhr am Hauptbahnhof Gera.

Weitere Aufrufe, Informationen & Material

Aufrufe

The future is unwritten: 1. Mai 2017: Stand up and fight!

Informationen

Radiobeitrag: Das Hinterland aufwühlen: Gegen den Aufmarsch des III. Weges am 1. Mai in Gera

Twitteraccount: 1. Mai 2017 Gera

Hashtags: #Gera0105 #Geraaufwühlen
Bitte nutzt für Informationen vom Demonstrationsgeschehen #Gera0105 und denkt an Timestamps!

Informationen zur Anreise am 1. Mai.

Die Infonummer und die Nummer des Ermittlungsausschusses werden hier zeitnah veröffentlicht.

Antirepressionstreffen am 5. Mai um 18:00 Uhr im Rotzfrech Gera & Schuldenberg Plauen.

Material

Aktionskarte

Ticker: https://gera0105.systemausfall.org/

Nazis gibt's in jeder Stadt! Bildet Banden! Macht sie platt! Teil 1: Gera

  1. https://www.facebook.com/antifakampfausbildung/photos/a.937275142984982.1073741828.933332503379246/1379058372139988/?type=3 []
  2. http://jungle.world/artikel/2017/16/schlechte-erinnerungen-halle []
  3. https://twitter.com/CarenLay/status/850345308345311233 []
  4. https://www.facebook.com/events/2079471708946435/permalink/2079471712279768/ []
  5. http://www.otz.de/web/zgt/leben/blaulicht/detail/-/specific/Hunderte-protestieren-in-Saalfeld-gegen-rechten-Aufmarsch-Auseinandersetzung-mi-131087594 []
  6. https://www.facebook.com/Kaltlandreisen/posts/1003112133098938?match=cGxhdWVu []
  7. http://www.thueringen24.de/thueringen/article210358803/Antifa-DGB-und-Rechte-Gera-steht-ein-heisser-1-Mai-bevor.html []
  8. http://geraaufwuehlen.blogsport.de/2017/04/05/demonstration-am-1-mai-2017-in-gera-das-hinterland-aufwuehlen-antifa-bleibt-landarbeit/ []
  9. http://geraaufwuehlen.blogsport.de/aufruf/ []
  10. http://geraaufwuehlen.blogsport.de/2017/04/23/generalprobe-des-iii-wegs-am-22-03-2017-in-gera/ []
  11. http://www.mdr.de/thueringen/ost-thueringen/saalfeld-rechtsextreme-ueberfall-mai-prozess-100.html []
  12. https://twitter.com/bjokie/status/726738745651789824 []