Eine Landpartie oder warum Schnellroda nicht auf Ziegen reduziert werden sollte.

Schnellroda 17.02. – Ein Reisebericht

Teil 1

„Ein Tag Urlaub auf dem Bauernhof“ – das eher spaßige Motto unserer frühen Reisegruppe wird Wirklichkeit, als wir gegen 13:00 Uhr in Schnellroda ankommen. Der erste Anblick, den das Dorf uns präsentiert, ist eine Gans auf einem Schuppendach, umgeben von hüpfenden Rehen.Das Gefühl ländlicher Idylle macht sich dennoch nicht breit, denn kaum angekommen, wird klar, dass Kubitschek als Organisator des „Instituts für Staatspolitik“ gut vorgesorgt hat. Der Protest gegen das neurechte Treffen startet früh, doch die meisten der Neurechten sind schon längst da. Am Dorfteich sitzend, vor der Dorfgaststätte „Zum Schäfchen“ stehend und vor allem ziemlich aufgeregt ziehen sie – hauptsächlich aus der „Identitären Bewegung“ rekrutiert – durch Schnellroda[1]. Es scheint für alles gesorgt zu sein, und während aus den Fenstern des Schäfchens Glühwein in grellgrünen Thermoskannen gereicht wird, steuern Kubitscheks Anhänger*innen und Kinder die Infopunkte der Protestorganisationen an, um dort wahlweise rumzulungern oder redundante Fragen zu stellen und sich insgesamt recht lächerlich zu machen.

Die gesamte Lage ist skurril: Nicht nur, dass die Prominenz der neurechten Szene eher ziellos durchs Dorf schlendert, sondern vor allem, wie einfach Personen wie Martin Sellner von Worten aus der Fassung zu bringen sind, ist beinahe verstörend. Zum Provozieren erschienen, reagieren die gleichgescheitelten Jungs der Identitären Bewegung jedes Mal ausgesprochen verschreckt, wenn Personen aus dem Gegenprotest sie ansprechen. Was uns sowohl auf-, als auch vor allem gefällt: Kubitscheks Anhängerschaft richtet sich die komplette Zeit über fast vollständig nach dem Gegenprotest. Nicht nur die frühere Anreise vieler Rechter, sondern auch das Verpassen der ersten Vortragsrunden des IfS sprechen dem Protest von der ersten Minute an Erfolg zu[2].

Und sonst so?

Krieg der Objektive: Bereits am Morgen haben einzelne Identitäre wie Tony Gerber mit Kameras – Spiegelreflex, aber Standardobjektiv[3] – geprahlt und halten sie sich nun zwanghaft vors Gesicht. Von der kleinen Knipse bis zu vereinzelten hochwertigen Objektiven könnte man annehmen, Götz Kubitschek würde noch am selben Abend den Gewinner mit den meisten Pixelgesichtern auf der Speicherkarte küren[4].

Gegen 14:30 Uhr ist dann so weit, was die immer rötlicher werdenden Köpfe vor dem Schäfchen ahnen ließen: Der erste Hitlergruß wird gezeigt. Und anschließend angezeigt[5]. Die Polizei reagiert außerdem, indem sie den Gegenprotest am Schäfchen wegschiebt und weiter von der trinkenden Menge entfernt – es könne sonst zu weiteren Straftaten durch die Nazis kommen[6]. Der Presse, die dabei an ihre Arbeit gehindert wird, erzählen einzelne Beamte, sie seien doch gar keine Berichterstatter*innen mit ihren „selbstgedruckten Presseausweisen“[7].

Teil 2

Feingliedriger Nieselregen zieht über das karge Land, während sich eine Autokolonne aus Leipzig nach Schnellroda auf den Weg macht. Es könnte an dieser Stelle etwas von der bezaubernden Landschaft geschrieben werden. Aber die ist vor Allem recht grau und sonst nichts. Nach Orten, die klangvollen Namen wie Braunsbedra und Steigra haben, kommt man irgendwann irgendwo im Nirgendwo an[8] .
Ein Dorf, das aus kaum mehr als drei Straßen, einer Kirche, einem Wasserturm und diesem Rittergut besteht, in dem das hochtrabend klingende „Institut für Staatspolitik“[9] seinen Sitz und der Ziegenfreund Götz Kubitschek sein Zuhause hat, wo seine Publikationen und die seiner Frau Ellen Kositza entstehen und beide von der Wiedererrichtung des Deutschen Reiches und einer Rückkehr zum archaisch Männlichen, Völkischen träumen. Viele Aktivist*innen um das Bündnis Aufstehen gegen Rassismus Mitteldeutschland haben sich darum bemüht, immer wieder gegen die Akademien der selbst ernannten Elite mobil zumachen und die Bedeutung des IfS für die rechte Szene herauszuarbeiten.

Weiträumig um das Dorf, auf Feldern und an Straßenrändern hat die Polizei Aufstellung genommen und sichert inklusive  einer extrem nervösen Hundestaffel alles ab, hält sich ansonst aber sehr zurück.

Die Geschichte der Demo ist schnell erzählt

An einem Ende des Ortes treffen und nach Redebeiträgen vom Bündnis Querfurt für Weltoffenheit[10] und der lokalen Kirchgemeinde einmal durch das Dorf ziehen, in dem sich kaum Einwohner*innen sehen lassen, aber dafür reichlich mehr oder wenige prominente Nazis, darunter die Kontrakultur Halle, die augenscheinlich die Schutztruppe für Götz Kubitschek und das IfS gibt[11]. Am Schäfchen, an dessen Fenster die angereisten Nazis nach wie vor mit Glühwein und Bier bei Laune gehalten werden, gibt es eine Zwischenkundgebung. Es gibt Redebeiträge zu den Hintergründen des Institutes für Staatspolitik und über den Maskulinisten Jack Donovan[12], ein amerikanischer bekennender Faschist, der am Samstagmorgen beim IfS referieren soll.
Unter den vor dem Schäfchen stehenden und Bier konsumierenden Nazis sind auch jene, welche schon in Saalfeld am 01.05.2015 eskalierten[13] , zumeist junge Männer, deren Elitenhaftigkeit im korrekten Seitenscheitel besteht, sowie Hans-Thomas Tillschneider, ein obligatorischer AfD Rassist[14].

Darf man sich über diese Truppe lustig machen?

Darf, wie im Redebeitrag von NO Halgida[15] bei der zweiten Zwischenkundgebung, mehrfach erwähnt und auf Plakaten gewürdigt, die Inkontinenz und der Narzissmus von Martin Sellner als Kopf der Identitiären Bewegung thematisiert werden?[16] Oder ist diese Art der Auseinandersetzung schon selber kritikwürdig?

Dazu muss man sich vergegenwärtigen, dass die Identitäre Bewegung[17], wie auch Nazis vor allen Dingen ernst genommen werden wollen. Eine selbstbewusste linke Kritik darf sich daher nicht darin erschöpfen, Zusammenhänge aufzuzeigen und Argumente dagegen zu liefern, sondern muss darüber hinaus weisen. Was bei Sellner erwähnenswert ist, ist die Diskrepanz zwischen dem avisierten Vortrag beim IfS „Warum unser Widerstand gewaltfrei ist“ und seinem eigentlichen Handeln: Stichwort Waffen gegen Antifaschist*Innen. Erwähnenswert ist aber eben auch, wie überraschend einfach es ist, ihn mit wenigen Worten zu provozieren. Gruppen wie Identitäre Bewegung und Kontrakultur Halle wollen hip sein und einen selbstbewussten Nationalismus präsentieren, der gesellschaftliche Trends und Themen aufgreift, um Räume zu besetzen, um damit attraktiv zu werden. Linke Kritik muss die gesellschaftlichen Widersprüche aufzeigen und dabei auch die Lächerlichkeit von Sellner und Anhang herausarbeiten. Auch eine negative Wiederholung eines Konzeptes reproduziert schließlich dieses Konzept.  Es sei dennoch festgehalten, dass Mittel der Provokation sich nicht in Ableismus und Sexismus verlieren sollten.

Was heute ebenfalls nicht fehlt, ist das mit Testosteron getränkte Imponiergehabe der Möchtegernhipster-Faschos, die irgendwo am Rande der Zwischenkundgebung einen Miniböller zünden und auf einem Motorrad herumposen[18].

Nach anderthalb Stunden ist es dann auch wieder vorbei und wir können ein positives Fazit ziehen. Kubitschek himself war offenbar so extrem genervt vom Protest, dass er diesem die ganze Zeit seine volle Aufmerksamkeit schenkte. Dazu hatte er sogar einen Fragebogen vorbereitet, mit dem die Infopunkte angelaufen werden sollten. Darf man, muss man, von der Elite nicht erwarten können, dass diese in der Lage ist eigene Fragen zu stellen und sich argumentativ rhetorisch damit auseinanderzusetzen, ohne Fragen vorgegeben zu bekommen? Fragen über Fragen. Und damit ist ein wichtiges Kernziel erreicht: Nazis aus dem Schatten ziehen.

Für Schnellroda, das neben Ziegen auch Rehe zu bieten hat und im Sommer bestimmt auch Schweine und Kühe, heißt es jedenfalls, dass wir wiederkommen, bis das IfS geschlossen ist.

Auch an dieser Stelle noch mal viele Grüße und Glückwünschen an die tolle Organisation des Protests: Bündnis Aufstehen gegen Rassismus Mitteldeutschland, Bündnis Querfurt für Weltoffenheit, SDS.Die Linke MLU und viele weitere
Eine Extraportion solidarischer Grüße geht an einen Querfurter Aktivisten, dessen Autoreifen noch am selben Abend zerstochen wurden. Schnellroda zeigt einmal mehr, wie wichtig antifaschistische Arbeit ist – überall.

Weiteres findet ihr im Bericht von NOHalgida[19]  und beim Bündnis Querfurt für Weltoffenheit [20]

  1. https://twitter.com/conligit/status/832579459853213698 []
  2. https://twitter.com/herderpark/status/833234092800036864 + https://twitter.com/herderpark/status/833232246412812288 []
  3. https://twitter.com/stopthehate_de/status/832535992724811776 []
  4. https://twitter.com/herderpark/status/833236265529114624 + https://twitter.com/subalternspeak/status/832639774590578688 []
  5. https://twitter.com/Kaltlandreisen/status/832585268381282305 []
  6. https://twitter.com/Kaltlandreisen/status/832590471352426496 []
  7. https://twitter.com/Kaltlandreisen/status/832591517520953344 []
  8. https://twitter.com/maggy_treibsand/status/832628088185839616 []
  9. http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/230002/es-geht-um-einfluss-auf-die-koepfe-das-institut-fuer-staatspolitik []
  10. https://www.facebook.com/notes/b%C3%BCndnis-querfurt-f%C3%BCr-weltoffenheit/sr1702-das-b%C3%BCndnis-unterwegs/181584077201613 []
  11. https://twitter.com/conligit/status/832579459853213698 []
  12. http://kaltland.blogsport.eu/redebeitraege/jack-und-die-starken-maenner-ein-maskulinist-in-schnellroda/ []
  13. https://twitter.com/become_Extinct/status/832663116332748801 []
  14. https://twitter.com/conligit/status/832680155717869568 []
  15. https://nohalgida.wordpress.com/2017/02/18/demobericht-ifs-dicht-machen-neue-rechte-alt-aussehen-lassen-schnellroda-17-februar-2017/ []
  16. https://twitter.com/RauhputzWand/status/832624873167941633 []
  17. https://twitter.com/le_zeck/status/832687362048086016 []
  18. https://twitter.com/maggy_treibsand/status/832630965579051009 []
  19. https://nohalgida.wordpress.com/2017/02/18/demobericht-ifs-dicht-machen-neue-rechte-alt-aussehen-lassen-schnellroda-17-februar-2017/  []
  20. https://www.facebook.com/notes/b%C3%BCndnis-querfurt-f%C3%BCr-weltoffenheit/sr1702-das-b%C3%BCndnis-unterwegs/1815840772016132  []

Ein Gedanke zu „Eine Landpartie oder warum Schnellroda nicht auf Ziegen reduziert werden sollte.“

  1. Komische Einstellung des Schreibenden zu Werten wie Meinungspluralismus, und demokratische Diskussionskultur. Bisschen hinterfragen ob man vielleicht selber schon unterwegs zum Despotismus ist schadet nicht. Sobald man glaubt die Wahrheit gepachtet zu haben wird es nämlich gefährlich.

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