Dresden 11.02.17 – Über Sachen die gehen und Sachen, die nicht gehen

Ein Reisebericht

Dresden, die Barockstadt ist immer eine Reise wert. Nicht nur dann, wenn man Barockstädte mag und den ihren bürgerlichen Prunk und Kitsch mag, sondern vor allem wenn es darum geht, Behördenversagen und dem Erstarken rechter Strukturen auf den Grund zu gehen.
Am 11. Februar besuchten wir Dresden allerdings nicht wegen des allmontäglichen Auftretens des sichtbaren und wahrnehmbaren Rassismus, verkörpert durch Pegida, sondern um einen „klassischen“ Naziaufmarsch zu stören.

Der 13.02. in Dresden ist für Neonazis ein Tag mit Bedeutung, wird doch hier der Opfermythos besonders gepflegt und das Hohelied des Selbstmitleids über die ach so unschuldige Stadt Dresden gesungen. Dieses hohe Opferlied wird nicht nur von Neonazis gesungen, sondern in den deutschen Opferchor stimmen viele mit ein, von ganz rechts bis in die Mitte der Gesellschaft. Aber die ist ja in Sachsen bekanntlich auch irgendwie rechts.

Ganz ungestört möchte man allein der deutschen Opfer gedenken und es sich auch sonst ganz einfach machen. Ganz so als hätte es Hitlers Volksgemeinschaft nicht gegeben, keinen Holocaust, kein Coventry, sondern als wären die Alliierten gemeinerweise über das unschuldige Volk hergefallen, das von Konzentrationslagern nichts wusste und von denen ohnehin mehr als ein Drittel quasi immer schon im Widerstand war. Deswegen wundert es nicht, dass in Dresden ein Obelisk steht, der an die Opfer des „alliierten Bombenterrors“ erinnert und das ganz ohne kritische Einordnung.

Diesmal hatten sich die Nazis den 11.02. als Tag ihres Gedenkmarsches erkoren. Und diesmal waren es sogar zwei Demonstrationen: Zum einen von Gerhard Ittner, einem mehrfach vorbestraften Holocaustleugner und zum Anderen der übliche neonazistische Gedenkmarsch um die Dresdner Maik Müller und Ronny Thomas.
Der erste Aufmarsch von Ittner sollte ausgehend vom Dresdner Zwinger 14 Uhr beginnen und durch die Neustadt führen.

Ein Satz mit X: Daraus wurde nix.

Ittner, dem die lokale Naziszene keine Unterstützung zu Teil werden ließ[1], lief mit 100 Getreuen, darunter ein Großteil bekannte PEGIDA-Anhänger*innen, eine Minirunde. Dies vor allen Dingen auch deshalb, weil die von Dresden Nazifrei vom Goldenen Reiter ausgehende Demo nach Überquerung der Elbseite kurzerhand die Taktik wechselte, sich teilte und ein Teil der Demo die Marienbrücke blockierte. Gleichzeitig wurde prophylaktisch auch die Augustusbrücke besetzt und damit ein erster Erfolg an diesem Tag erreicht: Keine Nazidemo in der Dresdner Neustadt.
Dass am Ende der Ittner Demo unter dem Applaus der Anwesenden PEGIDA-Anhänger*innen ein klares Bekenntnis zu Hitlers Nationalsozialismus erfolgte[2] – in Anwesenheit der sich im bedächtigen Schweigen übenden Polizei – spricht für sich. Wie auf einigen Videos belegt und durch Zeugenaussagen gesichert, war Ittner alles anderes als erfreut über die fehlende Unterstützung einerseits und deutliche Verkürzung der Route andererseits.[3]

Danach ging es weiter Richtung Hauptbahnhof Dresden. Noch bis kurz vor Beginn des eigentlichen Gedenkmarsches der Dresdner Nazis, mit Unterstützung aus dem ganzen Bundesgebiet, war die genaue Route unklar. Diese sollte schließlich über die Budapester Straße hoch zum Nürnberger Ei führen, die Nürnberger Straße entlang und dann über die Fritz Löffler Str. zurück. Nehmen wir das Ende vorweg: Auch daraus wurde nichts. Jedenfalls nicht so ganz. Die etwa 600 Nazis[4] mussten aufgrund mehrerer Sitzblockaden an der Strecke erstens später laufen und dann auch noch verkürzt über die Rugestraße. Erwähnung verdient hier vor allen Dingen, dass es auf der Budapester Straße eine Sitzblockade gab, auf der Nürnbergerstraße und auf der Rugestraße. Bemerkenswert war vor allen Dingen der Willen der Gegendemonstranten, die sich immer wieder Wege durch die Polizeiketten fanden und sich auf die Straße setzten. Wir feiern die 3 (Drei!) Menschen, die sich direkt vor die Nazis setzten und ohne Polizeischutz mitten im Aufmarsch sitzend und von den „Trauernden“ bepöbelt und bespuckt verharrten[5] .

Aber

Irgendwo ist immer das „Aber“ – und hier ist das Aber unseres Berichtes: Obwohl der Gedenkmarsch zum 13.02. der zentrale Tag für die hiesige Naziszene ist und der Fakt, dass ein Naziaufmarsch stattfindet allgemein bekannt war, stellten sich nur etwa 1000 Menschen diesem faschistischen Opferhappening entgegen. Für eine Stadt wie Dresden ist das schwach. Dass der Gedenkmarsch diesmal bereits am 11.02. stattfinden würde war zwar erst relativ kurzfristig bekannt, aber ein paar Dresdner*innen mehr hätten es dann doch schon sein dürfen. Die viel gelobte Zivilgesellschaft jedenfalls ließ sich nur in Spurenelementen blicken. Das Dagegenhalten durften dann die in Dresden geschmähten, weil „Antifa“-, Bündnisse wie Dresden Nazifrei, NOPE. und die URA übernehmen. Dafür an der Stelle ein fettes Danke, an all diejenigen, die an diesem Tag auf der Straße waren, um Neonazis nicht ungestört zu lassen.

Und: so viel Blockaden waren selten. Immer wieder schafften es Menschen und Gruppen auf die Strecke und präsentierten eine lange nicht gesehene Entschlossenheit beim Widersetzen – und wieder, und wieder. Das ist vor allen Dingen auch ein Grund, warum wir den Tag schließlich als Erfolg werten. Solidarität und Entschlossenheit sind es, die Naziaufmärsche verhindern – kein Selbstlob und kein Teelicht dieser Welt schafft das.

Das Fazit eines Twitter Users[6], der den Tag perfekt umreißt:

„Was in #Dresden nicht geht: 1000e auf den Straßen gegen Nazis. Was in #Dresden geht: Nazis blockieren.“

<3

Danke.

  1. https://www.facebook.com/Kaltlandreisen/posts/1621715557905256 []
  2. https://www.youtube.com/watch?v=wmmi16iH3bA  []
  3. http://www.dnn.de/Specials/Themenspecials/13.-Februar/Liveticker-Der-Demo-Samstag-in-Dresden []
  4. https://twitter.com/durchgezaehlt/status/830464211759353857  []
  5. https://twitter.com/RPFDMOPO/status/830467540841332738 []
  6. https://twitter.com/fasnix/status/830467031451443202  []

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