Archiv der Kategorie: Reiseberichte

Auflösungserklärung

Liebe Freund*innen der Reisegruppe Kaltland,

wir haben allzu lange nichts mehr von uns hören lassen, waren fast ein Jahr lang nicht mehr aktiv und haben einige Projekte nicht so unterstützt wie wir es gerne getan hätten. Auf jeden Fall haben wir lange gerätselt, wie es mit uns weitergehen soll. Wir sind dabei zu dem Schluss gekommen, dass es die Reisegruppe Kaltland nicht mehr geben wird.

Mit diesem Statement möchten wir erklären, wie wir als Reisegruppe Kaltland gearbeitet haben und was wir uns für die Zukunft wünschen. Wir wollen Fehler reflektieren, aber auch Stärken hervorheben und vor allem wollen wir euch nicht nur vollste Solidarität aussprechen, sondern euch vielleicht auch einige unserer Erfahrungen mit auf den Weg geben.

Wie die Reisegruppe Kaltland entstand

Start unserer antifaschistischen Arbeit waren die ständigen Proteste gegen Geflüchtetenunterkünfte vor allem in Sachsen. Vom oft als “Leuchtturm” bezeichneten Leipzig aus wollten wir nicht zusehen, wenn in anderen Städten und Gemeinden Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund angegriffen und bedroht wurden. Wir wollten antifaschistische Arbeit vor allem in ländlichen Regionen supporten, Infrastruktur und Erfahrung bereitstellen und zur Mobilisierung beitragen, wo immer sie notwendig war.
Startpunkt unserer Arbeit waren die rassistischen Ausschreitungen in Clausnitz Anfang 2016, mit der Zeit gesellten sich leider immer mehr Orte auf dieser unrühmlichen Liste dazu. “Feuerwehrarbeit” wollten wir machen, denn wir sahen es als unsere Stärke an, kurzfristige, schnelle und öffentlichkeitswirksame Arbeit zu leisten. Eine dauerhafte Unterstützung von Strukturen, die sich teilweise über 200 km von unserem Lebensmittelpunkt entfernt befinden, und die mehr als nur Unterstützung über Internet und soziale Medien bedeutet hätte, hielten wir von Anfang an für unrealistisch.

Wie unsere Arbeit sich entwickelte

Vor allem die Unterstützung Geflüchteter und Antifaschist*innen in Freital und Bautzen lag uns am Herzen, ebenso der Protest gegen die Treffen neurechter Vordenker*innen beim “Institut für Staatspolitik” in Schnellroda. Ein weiterer Kern unserer Arbeit war die Unterstützung der Strukturen, die sich teilweise seit 2014 in Dresden PEGIDA widersetzen. In Leipzig waren wir Teil des Aktionsnetzwerks “Leipzig nimmt Platz”, wobei Mobilisierung und Arbeit innerhalb Leipzigs nie Zentrum unserer Arbeit sein sollten.
Unsere “Feuerwehreinsätze” wurden weniger, je seltener die regelmäßigen und angekündigten rassistischen Ausschreitungen in Sachsen wurden. Je weniger alte und neue Faschist*innen sich vor Geflüchtetenheimen zum Gewaltmob scharten und je seltener rassistische Aufmärsche durch Gemeinden liefen, desto weniger hätten wir in Aktion treten müssen. Ohne das unbedingt immer zu reflektieren, verschoben wir unseren Fokus auf langfristigere Arbeiten, unterstützten langfristig geplante Demonstrationen, stürzten uns in Recherchearbeit und stritten um die Durchsetzung des Versammlungsrechts.

Was unsere Gruppe ausmachte

Während wir uns zwar als feste Gruppe definierten, war es in und um uns recht lose: Was uns ausmachte, war keine politische Einigkeit, sondern schlicht der Konsens, dass wir gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und aus ihr hervorgehender Gewalt etwas entgegensetzen müssen. Dass wir mit Menschen respektvoll und achtsam umgehen wollen und uns ernsthaft mit neonazistischen und neurechten Bewegungen auseinandersetzen wollen. Abgesehen davon fehlten unserer Gruppe der interne politische Diskurs und ein gemeinsames theoretisches Fundament. Diese Vielfalt hat selbstverständlich immer wieder zu Uneinigkeit geführt, aber auch dazu, sie als unsere Stärke anzuerkennen und mit Minimalkonsens handlungsfähig zu bleiben. Hinzu kamen feste Freundschaften, die innerhalb der und rund um die Reisegruppe Kaltland entstanden sind und die wir nicht mehr missen wollen.

Mit unserer “Feuerwehrarbeit” konnten wir oft den medialen Fokus auf das Geschehen vor Ort lenken. Anstatt dass geschwiegen wurde, waren die Medien spätestens dann hellhörig, wenn sich “Die Antifa!” ankündigte. Es ist uns oft gelungen, dabei eigene Inhalte und Standpunkte zu kommunizieren. Das Schreckgespenst des linken Protests führte zu verstärkter Präsenz der Polizei, die mediale Aufmerksamkeit wiederum dazu, dass die Beamt*innen sich gezwungen sahen, zumindest den einen oder anderen Hitlergruß zu ahnden.

Wir haben bei jeder Aktion unser Bestes gegeben, mit lokalen Strukturen in Kontakt zu treten und Antifaschist*innen und Geflüchteten keine Demo in den Ort zu setzen, die sie dort nicht haben wollen oder die sie in Gefahr bringen würde. Außerdem hielten wir es für wichtig, den Menschen vor Ort zu zeigen, dass sie auch bei uns, in der Leipziger Wohlfühlblase, nicht vergessen sind. Vor allem wollten wir sie miteinander vernetzen und ihnen Mut zusprechen, selber aktiv zu sein und zu bleiben. Gerade kleinere aber aktive Strukturen konnten wir einfach dadurch unterstützen, dass wir ein paar Menschen und Transpis mehr waren und noch ein paar Schokokekse mitbrachten. Wir wollen gar keine großen Töne spucken, was wir alles Tolles gemacht haben – denn oft hatten kleine Gesten viel größeren Effekt als das Anzetteln großer Aktionen.

Auch den Streit vor allem mit der Dresdner Versammlungsbehörde wollen wir als Erfolg verbuchen, denn es ist uns mehrfach gelungen, ihre Entscheidungen in den öffentlichen Fokus zu rücken und anzuprangern. Auch wenn wir die Situation nicht wirklich verbessern konnten, fanden wir es immer wichtig, die fragwürdigen Praktiken der Dresdner Ämter öffentlich zu thematisieren. Wir hoffen dadurch den Dresdner Strukturen, die daran bereits viel länger und intensiver arbeiten, zumindest punktuell den Rücken gestärkt zu haben.
Auch Kreativität und das Erstellen von Inhalten können wir zu unseren Stärken zählen. Wir schätzen an uns jeden Redebeitrag, jede Recherche, jedes Mobibild und jede kleine Albernheit, die nur dadurch entstehen konnten, dass wir Themen und Aktionen mit Interesse und Witz angepackt haben. Rückblickend überrascht uns tatsächlich auch die schiere Menge unseres Outputs, den wir in der Form heute nicht mehr leisten könnten.

Welche Fehler wir gemacht haben

Die schiere Menge unseres Outputs war es allerdings auch, die uns letztendlich überforderte. Ohne dass es Konsens der Gruppe war, hatten sich Einzelne dafür entschieden, der Arbeit Regelmäßigkeit zu verleihen und Themen nicht unbedingt deshalb zu bearbeiten, weil sie grad als reizvoll und notwendig, sondern weil sie als Pflicht erschienen. Dadurch wurde der Druck und mit ihm auch die Gefahr, dass aus Diskussion ernsthafter Streit wird, erhöht, während parallel der Spaß und das Interesse an Arbeit und Aktionen sanken. Das große Pensum erschwerte es außerdem, uns auf einzelne Themen und Aktionen zu konzentrieren und die Vernetzungen und Kontakte, die uns eigentlich so wichtig waren, angemessen zu pflegen – auch wenn wir hier unser Bestes gaben. Dadurch kam es dazu, dass wir Aktionen nur noch sporadisch und Strukturen nicht mit der nötigen Ausdauer unterstützen konnten. Uns war stets klar, dass einmalige Aktionen es schwer haben eine Nachhaltigkeit zu erzeugen. Ebenso war uns klar, dass dies überhaupt nur an den Orten möglich war, an denen wir bereits auf engagierte Menschen trafen.
Wir sind im nachhinein unsicher ob wir durch unsere Aktionen tatsächlich Impulse stärken konnten, oder ob wir damit nicht auch die ein oder andere entstehende Idee überfahren haben.

Stichwort Arbeit und Aktionen: Auch hier gab es häufig Uneinigkeit, wo der Fokus unserer Gruppe liegen sollte. Ging es anfänglich noch um “Feuerwehrarbeit” und Premiumplätze in der Sitzblockade, wurden schließlich Redebeiträge, Recherchen und Analysen zu unseren Hauptarbeitsfeldern. Zwar stehen wir hinter diesen Arbeiten und möchten auch behaupten, sie nach bestem Wissen und Gewissen getan zu haben, müssen aber eingestehen, dass diese Fokusverschiebung intern zu Enttäuschung und Frust führte.

Womit wir beim nächsten Stichwort wären: Streits und Enttäuschungen. Interne Differenzen und Enttäuschungen wurden oft nur unzureichend ausgehandelt. Allzu oft ging es darum, die Gruppe zusammen und handlungsfähig zu halten, anstatt tatsächlichen und wachsenden Streit auszutragen. Vor allem Fälle, in denen intern gegen Gruppenregeln verstoßen oder nicht im Sinne des Gruppenkonsens nach außen kommuniziert wurde, wurden oft schnell abgetan, hatten nie Konsequenzen und begannen schließlich, sich zu häufen. Am Ende stand die Gruppe also zum Einen vor vielen ungeklärten internen Ungereimtheiten und zum Anderen auch im Interessen- und Aktionskonflikt, deren Abbau sich sehr schwierig gestaltete und teilweise scheiterte.

Ein weiterer Punkt ist, dass wir in unseren “Feuerwehreinsätzen” (besonders denen in Bautzen im September 2016) teilweise fahrlässig gehandelt haben, auch weil es – trotz großer Bemühungen – aus der Ferne schwierig war, die Situationen und Sicherheitslage einzuschätzen und uns angemessen darauf vorzubereiten. Wir haben uns oft darauf verlassen, dass die Anwesenheit von Polizei und Presse verhindern werden, dass Situationen allzu sehr eskalieren – wobei uns im Grunde immer bewusst war, dass von einer sächsischen Polizei nicht viel zu erwarten ist. Wir sind schließlich – unserem eigenen Gruppenkonsens zum Trotz – in Gegenden und zu Aktionen gefahren, ohne vorher jedes Detail zu durchdenken. Versammlung anmelden, Mobi veröffentlichen, Strukturen vor Ort klären, Fahrzeug besorgen und los – allerdings nur so gut, wie es in der Kürze der Zeit eben ging. Gruppenabsprachen, wie die Kommunikation nach Außen oder bestimmte Aufgaben, die Einzelne übernehmen müssten, sind oft zu kurz gekommen.
Uns ist bewusst geworden, dass wir als kleine Gruppe im Ernstfall nicht für das Wohlergehen von allen Versammlungsteilnehmer*innen sorgen konnten und uns auch selbst in Gefahrensituationen begeben haben. Dass dabei immer alles halbwegs gut ging und wir viele Aktionen rückblickend als Erfolg bezeichnen, war so gesehen auch eine große Portion Glück. Für diese Leichtsinnigkeit möchten wir uns entschuldigen. Die Vorgehensweisen wurden danach stets von uns analysiert und wir haben versucht, uns zu verbessern – auch, wenn wir manche Fehler doch mehrfach gemacht haben. Wir sind an unseren Erfahrungen gewachsen und wachsen noch immer weiter.

Was nun aus uns wird

Die Reisegruppe Kaltland wird in der Form, in der sie arbeitete und auftrat, nicht mehr arbeiten und auftreten. Unsere “Feuerwehrarbeit” ist der aktuellen Situation nicht mehr angemessen. Versteht uns nicht falsch – die Bedrohung ist noch immer da, nur ist sie nicht mehr so greifbar, wie zu Zeiten, in der teilweise an die 40 organisierte Naziaufmärsche pro Woche in Sachsen die Straßen füllten. Wir sehen stattdessen organisierte Faschist*innen in Parlamenten und menschenfeindliche Ideologien in der Mitte der Gesellschaft klar hervortreten.
Die langfristige und regelmäßige Arbeit an Themen und Aktionen ist für uns in der Struktur, die Kaltlandreisen darstellte, nicht realisierbar. Interne Streits haben zu Zerwürfnissen geführt.
Wir können und wollen unsere Arbeit nicht weiterführen und lösen stattdessen die Reisegruppe Kaltland auf. Antifaschist*innen bleiben wir weiterhin, ebenso werden wir aktiv bleiben. Nur eben nicht in der Zusammensetzung, unter dem Konsens und mit den Zielen der Reisegruppe Kaltland. Wir wollen uns die Möglichkeit offen lassen, dass eine völlig neue Struktur entsteht, die uns im besten Fall selbst positiv überrascht.

Was wir euch mit auf den Weg geben wollen

Jaja, jetzt kommen sie, die Ratschläge derer, die sich als alte Hasen fühlen. Wir wollen euch nicht belehren, sondern euch vor allem die deutlichste Wertschätzung aussprechen und mit ihr die Hoffnung, dass ihr aktiv bleibt und dabei nicht die gleichen Fehler macht wie wir. Darum:

Macht weiter mit eurer Arbeit, wenn ihr sie weitermachen möchtet, wenn ihr sie für wichtig haltet und schätzt, was ihr macht. Hinterfragt euch immer wieder selber, ob ihr zufrieden seid mit dem, was ihr grade tut. Und wenn nicht, dann ändert etwas dran – nicht erst nach dem zigsten Streit, nicht erst nach der zigsten auslaugenden Aktion, sondern genau dann, wenn der Schuh drückt. Achtet euren Gruppenkonsens und stellt ihn zur Debatte, wenn er euch nicht mehr passt, anstatt ihn einfach zu überschreiten. Scheut euch nicht davor, euch und eure Arbeit zu verändern. Seid achtsam und reflektiert eure Möglichkeiten und eure Grenzen. Gebt ruhig zu, wenn ihr etwas nicht leisten könnt oder wollt. Geht ehrlich und wertschätzend miteinander um, seid solidarisch, lasst interne persönliche Grenzüberschreitungen sein und wehrt euch gegen sie. Sachsen bleibt scheiße und seine Umgebung macht kräftig mit. Seid euch bewusst, dass eure antifaschistische Arbeit wichtig ist und wichtig bleibt. Pflegt alte Kontakte und Netzwerke und baut neue auf.

Wir machen es wie die Brausetablette: Wir lösen uns auf und sprudeln fröhlich in alle Richtungen.

cu hegdl :*

Video von 4 Gläser mit Brausetabletten die sprudeln und dazu Text
Wir machen es wie die Brausetablette. Wir lösen uns auf und sprudeln fröhlich in alle Richtungen.

Ein Blick nach vorn und einer zurück – der erste Mai in Halle und Leipzig

Halle – 2017

Neben dem Auftritt der militanten Nazipartei der „III. Weg“ in Gera[1] konzentrierte sich der Auftritt der Nazis am 1.Mai 2017 vor allen Dingen auf Halle. Nachdem es im letzten Jahr aufgrund in Plauen zu einem Zerwürfnis zwischen dem „Antikapitalistischen Kollektiv“ der „Autonomen Nationalisten“, die die Eskalation suchen, und den Flaggenfetischist*innen vom „III. Weg“ kam, schloß sich das AKK diesmal dem Aufmarsch der anderen neonazistischen Kleinstpartei „Die Rechte“ an, die in Halle ihr Glück versuchte[2].

Ein Großteil der antifaschistischen Mobilisierung konzentrierte sich daher entsprechend auf Halle. Unter den Mottos #nicetobeatyou  und Naziaufmarsch in Halle? Läuft nicht! riefen Antifaschist*innen zum Protest auf. Auch die Zivilgesellschaft hat sich in Halle in erfreulicher Breite gegen den Naziaufmarsch positioniert. Aus Leipzig folgten mehrere hundert Unterstützer*innen den Aufrufen von Prisma, Leipzig nimmt Platz und der Antifa Klein-Paris[3].

Das Konzept sah vor, mit unterschiedlichen Demos großräumig das Gebiet des Bahnhofs zu umschließen, der den Nazis von der Stadt als Ausgangspunkt zugewiesen war.

Die Demonstration vom Rannischen Platz zog Richtung Merseburger Straße, wo es zu einem Durchbruch kam, der von der Polizei nicht aufgehalten werden konnte, sodass mehrere hundert Menschen auf der Merseburger Straße / Ecke Raffinierie-Straße Stellung beziehen konnten[4], und von dort aus weiter in die Raffiniere-Straße, um dort eine weitere Blockade zu errichten.

Die Polizei konnte den Durchbruchsversuch nicht stoppen, hielt aber den hinteren Teil der Demonstration mittels zum Teil massivem Einsatz von Pfefferspray kurzzeitig auf. Durch den erfolgreichen Durchbruch waren schon frühzeitig die Route der Nazis und etwaige Ausweichrouten komplett besetzt[5],[6],[7].

Nix zu machen für die Nazis, die parallel dazu entschieden hatten, sich nicht von der Polizei am Bahnhof kontrollieren zu lassen[8], was dazu führte, dass letztendlich überhaupt keine Demonstration zustande kam. Nach einer kurzen Zeit der Verwirrung, nachdem die Polizei Ausweichdemonstrationen untersagt[9],[10] und die deutsche Bahn mitgeteilt hatte, keine größere Gruppe Nazis zu transportieren[11], entschieden sich die Rechten, zumindest eine Standkundgebung am Bahnhof abzuhalten – unter Ausschluss der Öffentlichkeit[12]. Zu diesem Moment war die Versammlung der Rechten, die mit 500 Teilnehmer*innen auf einem engen Areal standen von Polizei und Gegendemonstranten umschlossen.

Bis dahin war der Tag halbwegs friedlich verlaufen. Dies sollte sich mit Ende der Kundgebung ändern. Ein Teil der Nazis, darunter jene mit der prägnanten Aufschrift „Aryans / Support your Race“, die bereits zuvor am 18.03. in Leipzig aufgefallen waren[13], unternahmen noch am Bahnhof einen Ausbruchsversuch[14], der auch dank entschiedener antifaschistischer Gegenwehr unterbunden werden konnte[15],[16],[17].

Im weiteren Verlauf des Tages versuchten etwa 150 Nazis in Apolda ihre Demonstration nachzuholen. Nach eintreffen der Polizei wurde diese gezielt unter Beschuss genommen. Nachdem das Antikap Kollektiv auf Twitter großspurig verkündet hatte, dass man sich die Straße nicht nehmen lassen, landeten 103 Nazis zunächst im polizeilichen Gewahrsam[18].

Die bereits erwähnte Gruppe mit der Aufschrift „Aryans“ eskalierte zuvor noch bei der Abreise aus Halle und griff mit Totschlägern und Pfefferspray eine Gruppe unbteiligter Jugendlicher an. Dabei wurden 2 Personen schwer verletzt[19]. Die Gruppe der Angreifer ist inzwischen weitgehend bekannt[20],[21],[22].

Fest steht: Den Antifaschist*innen ist am 1. Mai in Halle genau das gelungen, was geplant war: Den Nazi-Aufmarsch zum Desaster machen[23]!

Polizeikette bei #Hal0105
Am 1. Mai gelang es Antifaschist*innen in Halle, die Polizeikette zu durchbrechen und den geplanten Nazi-Aufmarsch komplett zu blockieren.

Leipzig –  2018

Bereits mit Ablauf des 1. Mai 2017 in Halle wurden die zentrale Facebook-Seite der Rechten auf Leipzig 2018 umgeschaltet. Diese Anmeldung ist inzwischen bestätigt. Ausweislich der vorliegenden Anmeldung will „Die Rechte“ mit Vorturner Christian Worch, die bereits am 18.03. hinter den Erwartungen zurückgeblieben waren, vom Bahnhofsvorplatz in Leipzig bis zum Völkerschlachtdenkmal laufen, was sehr stark an den Beginn der 2000er Jahre erinnert als Worch mehrfach jährlich versuchte diese Strecke zu nehmen[24].

Abzuwarten bleibt wie die Mobilisierung der Rechten ausfällt. Nachdem sich „Antikapitalistische Kollektiv“ und der „III. Weg“ bereits 2016 zerstritten hatten und auch 2017 sehr unterschiedlicher Auffassung zu sein schienen, ob es denn nun zu einem Nazi-Aufmarsch gehören solle, „Antifa-Hurensöhne“ zu grölen, zu rauchen und Jogginghosen zu tragen oder man stattdessen auf „ernsthaftere“ Uniformierung und Ritualhaftigkeit setzt[25], bleibt die Frage offen, ob das „Antikapitalistische Kollektiv“ nach dem Desaster in Halle erneut die Rechte unterstützen wird oder einen eigenen Weg geht.

Anders als in Halle wird man für Leipzig auch mit einem anderen Kräfteeinsatz der Polizei rechnen müssen. Während in Halle am 1. Mai 2017 nur etwa 700 Beamt*innen im Einsatz waren, sicherte die Polizei am 18. März 2017 in Leipzig mit mehr als 2500 Einsatzkräften, Wasserwerfern und Räumpanzern die Route ab[26]. Anders als in Halle war die Polizei in Leipzig zuletzt stets darum bemüht rechte Aufmärsche, solange sie nicht nach Connewitz führen, ans Ziel zu bringen.

Um dieses Szenario zu verhindern braucht es eine große Mobilisierung. Wenn es nach uns geht, werden die Nazis direkt am Aufmarschpunkt ihrer Route blockiert, laufen keinen Meter und erhalten erst gar keine Chance, ihr Weltbild in Gewalt umzuwandeln.

Das Hallenser Konzept, mit mehreren aufeinander eng abgestimmten und verzahnten Demos die Umgebung zu blockieren, könnte sich auch in Leipzig als erfolgreich erweisen.

Bis dahin bleibt aber noch einiges zu tun. Denn gerade in Leipzig dürfte es aufgrund des zu erwartenden massiven Polizeieinsatzes mehr Menschen bedürfen, die entschlossen und solidarisch handeln.

  1. http://kaltland.blogsport.eu/reiseberichte/reisebericht-1-mai-in-gera-die-provinz-aufwuehlen/ []
  2. http://jungle.world/artikel/2017/16/schlechte-erinnerungen-halle []
  3. https://jungle.world/artikel/2017/18/nazis-ohne-worte []
  4. https://twitter.com/SelinaS98/status/858991239437398016 []
  5. https://twitter.com/newsphotoDE/status/858988149753753600 []
  6. https://twitter.com/johannesgrunert/status/858988171606056960 []
  7. https://twitter.com/reneloch/status/858984032935313408 []
  8. https://twitter.com/M000X/status/859003915853017089 []
  9. https://twitter.com/HalleBlockt/status/859009236428312576 []
  10. https://twitter.com/HalggR/status/859001887038857216 []
  11. https://twitter.com/newsphotoDE/status/858997654621126658 []
  12. https://twitter.com/johannesgrunert/status/859002023831887873 []
  13. https://twitter.com/herderpark/status/861202690524753924 []
  14. https://twitter.com/c_hedtke/status/859023315704442880 []
  15. https://www.facebook.com/photo.php?fbid=1315611771825924&set=a.149262575127522.37050.100001313427143&type=3&theater []
  16. https://twitter.com/johannesgrunert/status/859024113704349696 []
  17. https://twitter.com/reneloch/status/859023052247576576 []
  18. http://www.thueringen24.de/thueringen/article210425203/Grossangriff-auf-Polizei-in-Apolda-100-Festnahmen.html []
  19. http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2017/05/02/versuchter-totschlag-nach-naziaufmarsch-in-halle_23621 []
  20. http://www.fr.de/rhein-main/uebergriffe-in-halle-polizei-ermittelt-gegen-hessische-rechtsextreme-a-1270569 []
  21. https://linksunten.indymedia.org/de/node/212012 []
  22. https://twitter.com/c_hedtke/status/859081055277658112 []
  23. https://nicetobeatyou.wordpress.com/2017/05/02/press-review/ []
  24. http://www.l-iz.de/leben/gesellschaft/2017/05/Neonazipartei-%E2%80%9EDie-Rechte%E2%80%9C-will-am-1-Mai-2018-zum-Voelkerschlachtdenkmal-laufen-177721 []
  25. https://twitter.com/SoerenKohlhuber/status/858983149438631937 []
  26. http://www.lvz.de/Leipzig/Lokales/Liveticker-Der-Demo-Sonnabend-in-Leipzig []

Reisebericht: 1. Mai in Gera – „Die Provinz aufwühlen!“

„Nazis gibt’s in jeder Stadt“ – Über den 1. Mai 2017 haben wir schon viele Worte verloren, aber immer noch ein paar übrig: Unseren Reisebericht aus Gera. Unseren Aufruf könnt ihr hier noch einmal nachlesen.

Wir haben an diesem Tag die antifaschistische Demonstration[1] gegen den „III. Weg“-Aufmarsch unterstützt. Die neonazistische Kleinstpartei lief dort in Abspaltung zu „Die Rechte“, die in Halle aufmarschierte, und den „Autonomen Nationalisten“, mit denen sie sich ein Jahr zuvor in Plauen zerstritten hatte[2].

In Gera am Hauptbahnhof angekommen, blickten wir in viele motivierte Gesichter und erlebten den Beginn einer cool organisierte Demo: Zur Stärkung gab es leckere Wraps und Unmengen an Wasser. Zur Sicherheit war Pyrotechnik mit angemeldet. Die Menschen waren entschlossen, deutlich und solidarisch.

Worum es ihnen ging?

„Die Provinz aufwühlen“ – keine Rückzugsräume für neonazistische Gruppen lassen, keine Wohlfühlzonen für Faschist*innen. „Antifa bleibt Landarbeit“ – auch in kleineren Städten und vor allem ihrer Umgebung Vernetzung zwischen Antifaschist*innen schaffen, Menschen ermutigen, Menschen handlungsfähig machen und Freiräume zu schaffen. Und dabei nicht vergessen eine deutliche Kritik zu formulieren, an den menschenverachteten Ideologien der Nazis und gesellschaftlichen Verhältnissen, die solche überhaupt denkbar machen. Warum auch Gera – mit immerhin 100.000 Einwohner*innen – unter das Wort „Provinz“ fällt, erklärten die Antifaschist*innen zum Auftakt der Demo in einem Redebeitrag[3].

Wir würden mal sagen? Ziel erreicht.

Nicht nur, dass anfangs 400, später 600 Menschen gegen den „III. Weg“ protestierten: 200 von ihnen gelang außerdem eine Sitzblockade, die den Neonazi-Aufmarsch verzögerten und dessen Route änderte[4]. Sie ließen sich auch von einer Polizei nicht abhalten, die Pfeffer, Knüppel und sogar eine Hundestaffel für angemessenes Vorgehen gegen die friedlich Blockierenden hielt[5]. Auch innerhalb der Protestkundgebung am Start- und Endpunkt der Nazidemo zeigte die Polizei sich eher repressionsfreudig als verhältnismäßig und trat gegenüber Teilnehmer*innen und Ordner*innen teilweise provozierend auf[6]. Auch an Zwischenkundgebungspunkten der Neonazis gab es Protest – der dabei massiver Einschüchterung durch Anti-Antifafotografen ausgesetzt war[7] und einer Polizei, die dies ermöglichte, während nicht-rechte Fotograf*innen gestresst wurden[8]. Umso mehr möchten wir all den Menschen danken, die mit Entschlossenheit, Deutlichkeit und viel Kreativität protestierten!

Angesichts des wunderbaren Protestgeschehens waren wir kurzzeitig ja völlig begeistert, als zum Start des „III. Weg“-Aufmarschs roter Rauch aufstieg – mussten allerdings feststellen, dass es sich dabei leider nicht um eine coole Protestaktion handelte, sondern um völkische Opferinszenierung der Rechten: Umgeben von dichtem Rauch marschierte man mit Trommeln und Einheitskleidung über eine Europaflagge hinweg[9], ein paar Menschen in Matrosen- über der „Heimat, Familie, Tradition“-Uniform trugen ein Schlauchboot[10]. Das Szenario hätte komisch anmuten können, wären hier nicht Faschist*innen eine riesige Route durch Gera gelaufen, die sich in aller Offensichtlichkeit an neonazistischen Symboliken und Orten orientierten[11]. Der „III. Weg“ muss, auch wenn er sich an diesem Tag deutlich reduziert hat, ernst genommen werden, rekrutiert er sich doch aus neonazistischer Kameradschaftsszene und NSU-Umfeld und wird teilweise genutzt, um verbotene Kameradschaften am Leben zu halten[12].

Wir freuen uns, mit dieser Einschätzung nicht allein zu sein. Natürlich: Es hätte besser sein können[13]. Weitaus besser[14]. Auch „weniger Nazis als sonst“ sind immer noch zu viele Nazis. Während die Antifa-Demo nach ein paar hundert Metern gestoppt wurde, konnte der „III. Weg“ teilweise ungestört eine riesige Route durch Gera laufen. Menschen, die sich nicht einschüchtern lassen, die Widrigkeiten trotzen und für ihre Überzeugungen einstehen, sind etwas anderes als eine tausende auf die Straße bringende breite Mobilisierung der Zivilgesellschaft. Aber auch – und vor allem – wenn letztere fehlt, halten wir es für wichtig, auch die kleinen Erfolge zu feiern. Und wetten fest darauf, dass all die Antifaschist*innen, die am 1. Mai in Gera unterwegs waren, immer und immer wieder auf die Straße gehen, wenn es nötig wird: Die Provinz aufwühlen!

  1. http://geraaufwuehlen.blogsport.de/ []
  2. https://jungle.world/artikel/2017/16/schlechte-erinnerungen-halle []
  3. http://landarbeit.blogsport.de/2016/09/15/redebeitrag-antifa-bleibt-landarbeit-10-09-2016/ []
  4. http://geraaufwuehlen.blogsport.de/2017/05/01/pressemitteilung-des-antifaschistischen-buendnisses-die-provinz-aufwuehlen []
  5. https://twitter.com/AnnetteLudwig/status/859002763094630400 []
  6. https://twitter.com/Kaltlandreisen/status/859037716545245184 []
  7. https://twitter.com/Kaltlandreisen/status/859009881529094146 []
  8. https://twitter.com/SoerenKohlhuber/status/859009613060091905 []
  9. https://twitter.com/SoerenKohlhuber/status/858994715286491136 []
  10. https://twitter.com/conligit/status/859296212935208960 []
  11. https://twitter.com/luna_le/status/859012300673601537 []
  12. http://geraaufwuehlen.blogsport.de/2017/05/01/pressemitteilung-des-antifaschistischen-buendnisses-die-provinz-aufwuehlen/ []
  13. https://www.kuhle-wampe.de/essacher-luft-vs-dritter-weg/ []
  14. https://www.facebook.com/soeren.kohlhuber/posts/1028791660589220 []

Eine Landpartie oder warum Schnellroda nicht auf Ziegen reduziert werden sollte.

Schnellroda 17.02. – Ein Reisebericht

Teil 1

„Ein Tag Urlaub auf dem Bauernhof“ – das eher spaßige Motto unserer frühen Reisegruppe wird Wirklichkeit, als wir gegen 13:00 Uhr in Schnellroda ankommen. Der erste Anblick, den das Dorf uns präsentiert, ist eine Gans auf einem Schuppendach, umgeben von hüpfenden Rehen. Eine Landpartie oder warum Schnellroda nicht auf Ziegen reduziert werden sollte. weiterlesen

Dresden 11.02.17 – Über Sachen die gehen und Sachen, die nicht gehen

Ein Reisebericht

Dresden, die Barockstadt ist immer eine Reise wert. Nicht nur dann, wenn man Barockstädte mag und den ihren bürgerlichen Prunk und Kitsch mag, sondern vor allem wenn es darum geht, Behördenversagen und dem Erstarken rechter Strukturen auf den Grund zu gehen.
Am 11. Februar besuchten wir Dresden allerdings nicht wegen des allmontäglichen Auftretens des sichtbaren und wahrnehmbaren Rassismus, verkörpert durch Pegida, sondern um einen „klassischen“ Naziaufmarsch zu stören. Dresden 11.02.17 – Über Sachen die gehen und Sachen, die nicht gehen weiterlesen

Dresden ist das Sachsen Sachsens – #DD1710

Montag in Dresden. Menschen sammeln sich, gehen gemeinsam auf die Straße. Nein, diesmal ist es nicht der Marsch der Faschist*innen und der von sich selbst Entfremdeten, die mit den Neurechten Parolen gröhlend von der Hetze gegen Menschen bis hin zur Jagd auf Menschen jegliche Hemmungen abgelegt haben, diesmal sind es Tausende, die Gesicht gegen Chauvinismus und Rassismus zeigen.
Ursprünglich sollte am 17.10. PEGIDA demonstrieren. Ursprünglich, denn PEGIDA wich auf den Sonntag aus, weil der Protest gegen ihre menschenverachtende Ideologie eben doch schneller war. Dafür hatte erstmals seit langer Zeit das breite Bündnis Herz statt Hetze groß mobilisiert und zwei Demonstrationszüge angemeldet: Einen vom Bahnhof Neustadt und einen vom der TU Dresden aus, beide zum Pirnaischen Platz und von dort gemeinsam zum Postplatz.
Dresden ist das Sachsen Sachsens – #DD1710 weiterlesen

„Wer schweigt, stimmt zu“ – ein Kaltlandbericht aus Bautzen

„Wer schweigt, stimmt zu“[1], lautete der Aufruf für den 07.10. in Bautzen, um eben nicht zu schweigen, sondern um den Zuständen vor Ort zu widersprechen als auch sich solidarisch gegenüber jenen Menschen zu zeigen, die sich immer wieder der rechten Hegemonie in Bautzen entgegenstellen. Ein Satz, welcher einen Tag später auf dem Kongress von @streetcoverage[2] wiederholt wurde. Auf ebenjenem Kongress, auf dem auch die nüchterne Feststellung getroffen wurde, dass es für den Triumph von völkisch-nationalen Bewegungen bereits ausreicht, wenn diesen Ideologien nichts entgegengesetzt wird[3]. „Wer schweigt, stimmt zu“ – ein Kaltlandbericht aus Bautzen weiterlesen

  1. https://www.facebook.com/events/265504490516589/?ref=108&action_history=null&source=108 []
  2. http://www.taz.de/!5346564/ []
  3. http://m.sz-online.de/sachsen/geschichtsstunde-fuer-gestrige-3512538.html []

Bautzen 2 – Noch nicht komplett im Arsch, 18.09.2016

Bautzen 2 war einst ein berüchtigtes Stasi-Gefängnis in der DDR – bereits von Nationalsozialisten genutzt, um politische Gegner*Innen zu inhaftieren und das in enger Abstimmung mit der Gestapo.
Bautzen ist Geschichte. Geschichte, an die mensch sich erinnern und mit der mensch sich auseinandersetzen muss. Geschichte, die Parallelen aufweist und doch nicht vergleichbar ist.
Geschichte, die hilft zu verstehen, was gerade geschieht, wenn sich auf der Straße Menschen zusammenrotten um „Ausländer raus“ und „frei, sozial und national“ zu brüllen. Menschen, die empfänglich sind für den neuen Faschismus und ihre Hoffnung auf rechtsradikale Parteien setzen.

Bautzen 2 – Noch nicht komplett im Arsch, 18.09.2016 weiterlesen