Auflösungserklärung

Liebe Freund*innen der Reisegruppe Kaltland,

wir haben allzu lange nichts mehr von uns hören lassen, waren fast ein Jahr lang nicht mehr aktiv und haben einige Projekte nicht so unterstützt wie wir es gerne getan hätten. Auf jeden Fall haben wir lange gerätselt, wie es mit uns weitergehen soll. Wir sind dabei zu dem Schluss gekommen, dass es die Reisegruppe Kaltland nicht mehr geben wird.

Mit diesem Statement möchten wir erklären, wie wir als Reisegruppe Kaltland gearbeitet haben und was wir uns für die Zukunft wünschen. Wir wollen Fehler reflektieren, aber auch Stärken hervorheben und vor allem wollen wir euch nicht nur vollste Solidarität aussprechen, sondern euch vielleicht auch einige unserer Erfahrungen mit auf den Weg geben.

Wie die Reisegruppe Kaltland entstand

Start unserer antifaschistischen Arbeit waren die ständigen Proteste gegen Geflüchtetenunterkünfte vor allem in Sachsen. Vom oft als “Leuchtturm” bezeichneten Leipzig aus wollten wir nicht zusehen, wenn in anderen Städten und Gemeinden Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund angegriffen und bedroht wurden. Wir wollten antifaschistische Arbeit vor allem in ländlichen Regionen supporten, Infrastruktur und Erfahrung bereitstellen und zur Mobilisierung beitragen, wo immer sie notwendig war.
Startpunkt unserer Arbeit waren die rassistischen Ausschreitungen in Clausnitz Anfang 2016, mit der Zeit gesellten sich leider immer mehr Orte auf dieser unrühmlichen Liste dazu. “Feuerwehrarbeit” wollten wir machen, denn wir sahen es als unsere Stärke an, kurzfristige, schnelle und öffentlichkeitswirksame Arbeit zu leisten. Eine dauerhafte Unterstützung von Strukturen, die sich teilweise über 200 km von unserem Lebensmittelpunkt entfernt befinden, und die mehr als nur Unterstützung über Internet und soziale Medien bedeutet hätte, hielten wir von Anfang an für unrealistisch.

Wie unsere Arbeit sich entwickelte

Vor allem die Unterstützung Geflüchteter und Antifaschist*innen in Freital und Bautzen lag uns am Herzen, ebenso der Protest gegen die Treffen neurechter Vordenker*innen beim “Institut für Staatspolitik” in Schnellroda. Ein weiterer Kern unserer Arbeit war die Unterstützung der Strukturen, die sich teilweise seit 2014 in Dresden PEGIDA widersetzen. In Leipzig waren wir Teil des Aktionsnetzwerks “Leipzig nimmt Platz”, wobei Mobilisierung und Arbeit innerhalb Leipzigs nie Zentrum unserer Arbeit sein sollten.
Unsere “Feuerwehreinsätze” wurden weniger, je seltener die regelmäßigen und angekündigten rassistischen Ausschreitungen in Sachsen wurden. Je weniger alte und neue Faschist*innen sich vor Geflüchtetenheimen zum Gewaltmob scharten und je seltener rassistische Aufmärsche durch Gemeinden liefen, desto weniger hätten wir in Aktion treten müssen. Ohne das unbedingt immer zu reflektieren, verschoben wir unseren Fokus auf langfristigere Arbeiten, unterstützten langfristig geplante Demonstrationen, stürzten uns in Recherchearbeit und stritten um die Durchsetzung des Versammlungsrechts.

Was unsere Gruppe ausmachte

Während wir uns zwar als feste Gruppe definierten, war es in und um uns recht lose: Was uns ausmachte, war keine politische Einigkeit, sondern schlicht der Konsens, dass wir gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und aus ihr hervorgehender Gewalt etwas entgegensetzen müssen. Dass wir mit Menschen respektvoll und achtsam umgehen wollen und uns ernsthaft mit neonazistischen und neurechten Bewegungen auseinandersetzen wollen. Abgesehen davon fehlten unserer Gruppe der interne politische Diskurs und ein gemeinsames theoretisches Fundament. Diese Vielfalt hat selbstverständlich immer wieder zu Uneinigkeit geführt, aber auch dazu, sie als unsere Stärke anzuerkennen und mit Minimalkonsens handlungsfähig zu bleiben. Hinzu kamen feste Freundschaften, die innerhalb der und rund um die Reisegruppe Kaltland entstanden sind und die wir nicht mehr missen wollen.

Mit unserer “Feuerwehrarbeit” konnten wir oft den medialen Fokus auf das Geschehen vor Ort lenken. Anstatt dass geschwiegen wurde, waren die Medien spätestens dann hellhörig, wenn sich “Die Antifa!” ankündigte. Es ist uns oft gelungen, dabei eigene Inhalte und Standpunkte zu kommunizieren. Das Schreckgespenst des linken Protests führte zu verstärkter Präsenz der Polizei, die mediale Aufmerksamkeit wiederum dazu, dass die Beamt*innen sich gezwungen sahen, zumindest den einen oder anderen Hitlergruß zu ahnden.

Wir haben bei jeder Aktion unser Bestes gegeben, mit lokalen Strukturen in Kontakt zu treten und Antifaschist*innen und Geflüchteten keine Demo in den Ort zu setzen, die sie dort nicht haben wollen oder die sie in Gefahr bringen würde. Außerdem hielten wir es für wichtig, den Menschen vor Ort zu zeigen, dass sie auch bei uns, in der Leipziger Wohlfühlblase, nicht vergessen sind. Vor allem wollten wir sie miteinander vernetzen und ihnen Mut zusprechen, selber aktiv zu sein und zu bleiben. Gerade kleinere aber aktive Strukturen konnten wir einfach dadurch unterstützen, dass wir ein paar Menschen und Transpis mehr waren und noch ein paar Schokokekse mitbrachten. Wir wollen gar keine großen Töne spucken, was wir alles Tolles gemacht haben – denn oft hatten kleine Gesten viel größeren Effekt als das Anzetteln großer Aktionen.

Auch den Streit vor allem mit der Dresdner Versammlungsbehörde wollen wir als Erfolg verbuchen, denn es ist uns mehrfach gelungen, ihre Entscheidungen in den öffentlichen Fokus zu rücken und anzuprangern. Auch wenn wir die Situation nicht wirklich verbessern konnten, fanden wir es immer wichtig, die fragwürdigen Praktiken der Dresdner Ämter öffentlich zu thematisieren. Wir hoffen dadurch den Dresdner Strukturen, die daran bereits viel länger und intensiver arbeiten, zumindest punktuell den Rücken gestärkt zu haben.
Auch Kreativität und das Erstellen von Inhalten können wir zu unseren Stärken zählen. Wir schätzen an uns jeden Redebeitrag, jede Recherche, jedes Mobibild und jede kleine Albernheit, die nur dadurch entstehen konnten, dass wir Themen und Aktionen mit Interesse und Witz angepackt haben. Rückblickend überrascht uns tatsächlich auch die schiere Menge unseres Outputs, den wir in der Form heute nicht mehr leisten könnten.

Welche Fehler wir gemacht haben

Die schiere Menge unseres Outputs war es allerdings auch, die uns letztendlich überforderte. Ohne dass es Konsens der Gruppe war, hatten sich Einzelne dafür entschieden, der Arbeit Regelmäßigkeit zu verleihen und Themen nicht unbedingt deshalb zu bearbeiten, weil sie grad als reizvoll und notwendig, sondern weil sie als Pflicht erschienen. Dadurch wurde der Druck und mit ihm auch die Gefahr, dass aus Diskussion ernsthafter Streit wird, erhöht, während parallel der Spaß und das Interesse an Arbeit und Aktionen sanken. Das große Pensum erschwerte es außerdem, uns auf einzelne Themen und Aktionen zu konzentrieren und die Vernetzungen und Kontakte, die uns eigentlich so wichtig waren, angemessen zu pflegen – auch wenn wir hier unser Bestes gaben. Dadurch kam es dazu, dass wir Aktionen nur noch sporadisch und Strukturen nicht mit der nötigen Ausdauer unterstützen konnten. Uns war stets klar, dass einmalige Aktionen es schwer haben eine Nachhaltigkeit zu erzeugen. Ebenso war uns klar, dass dies überhaupt nur an den Orten möglich war, an denen wir bereits auf engagierte Menschen trafen.
Wir sind im nachhinein unsicher ob wir durch unsere Aktionen tatsächlich Impulse stärken konnten, oder ob wir damit nicht auch die ein oder andere entstehende Idee überfahren haben.

Stichwort Arbeit und Aktionen: Auch hier gab es häufig Uneinigkeit, wo der Fokus unserer Gruppe liegen sollte. Ging es anfänglich noch um “Feuerwehrarbeit” und Premiumplätze in der Sitzblockade, wurden schließlich Redebeiträge, Recherchen und Analysen zu unseren Hauptarbeitsfeldern. Zwar stehen wir hinter diesen Arbeiten und möchten auch behaupten, sie nach bestem Wissen und Gewissen getan zu haben, müssen aber eingestehen, dass diese Fokusverschiebung intern zu Enttäuschung und Frust führte.

Womit wir beim nächsten Stichwort wären: Streits und Enttäuschungen. Interne Differenzen und Enttäuschungen wurden oft nur unzureichend ausgehandelt. Allzu oft ging es darum, die Gruppe zusammen und handlungsfähig zu halten, anstatt tatsächlichen und wachsenden Streit auszutragen. Vor allem Fälle, in denen intern gegen Gruppenregeln verstoßen oder nicht im Sinne des Gruppenkonsens nach außen kommuniziert wurde, wurden oft schnell abgetan, hatten nie Konsequenzen und begannen schließlich, sich zu häufen. Am Ende stand die Gruppe also zum Einen vor vielen ungeklärten internen Ungereimtheiten und zum Anderen auch im Interessen- und Aktionskonflikt, deren Abbau sich sehr schwierig gestaltete und teilweise scheiterte.

Ein weiterer Punkt ist, dass wir in unseren “Feuerwehreinsätzen” (besonders denen in Bautzen im September 2016) teilweise fahrlässig gehandelt haben, auch weil es – trotz großer Bemühungen – aus der Ferne schwierig war, die Situationen und Sicherheitslage einzuschätzen und uns angemessen darauf vorzubereiten. Wir haben uns oft darauf verlassen, dass die Anwesenheit von Polizei und Presse verhindern werden, dass Situationen allzu sehr eskalieren – wobei uns im Grunde immer bewusst war, dass von einer sächsischen Polizei nicht viel zu erwarten ist. Wir sind schließlich – unserem eigenen Gruppenkonsens zum Trotz – in Gegenden und zu Aktionen gefahren, ohne vorher jedes Detail zu durchdenken. Versammlung anmelden, Mobi veröffentlichen, Strukturen vor Ort klären, Fahrzeug besorgen und los – allerdings nur so gut, wie es in der Kürze der Zeit eben ging. Gruppenabsprachen, wie die Kommunikation nach Außen oder bestimmte Aufgaben, die Einzelne übernehmen müssten, sind oft zu kurz gekommen.
Uns ist bewusst geworden, dass wir als kleine Gruppe im Ernstfall nicht für das Wohlergehen von allen Versammlungsteilnehmer*innen sorgen konnten und uns auch selbst in Gefahrensituationen begeben haben. Dass dabei immer alles halbwegs gut ging und wir viele Aktionen rückblickend als Erfolg bezeichnen, war so gesehen auch eine große Portion Glück. Für diese Leichtsinnigkeit möchten wir uns entschuldigen. Die Vorgehensweisen wurden danach stets von uns analysiert und wir haben versucht, uns zu verbessern – auch, wenn wir manche Fehler doch mehrfach gemacht haben. Wir sind an unseren Erfahrungen gewachsen und wachsen noch immer weiter.

Was nun aus uns wird

Die Reisegruppe Kaltland wird in der Form, in der sie arbeitete und auftrat, nicht mehr arbeiten und auftreten. Unsere “Feuerwehrarbeit” ist der aktuellen Situation nicht mehr angemessen. Versteht uns nicht falsch – die Bedrohung ist noch immer da, nur ist sie nicht mehr so greifbar, wie zu Zeiten, in der teilweise an die 40 organisierte Naziaufmärsche pro Woche in Sachsen die Straßen füllten. Wir sehen stattdessen organisierte Faschist*innen in Parlamenten und menschenfeindliche Ideologien in der Mitte der Gesellschaft klar hervortreten.
Die langfristige und regelmäßige Arbeit an Themen und Aktionen ist für uns in der Struktur, die Kaltlandreisen darstellte, nicht realisierbar. Interne Streits haben zu Zerwürfnissen geführt.
Wir können und wollen unsere Arbeit nicht weiterführen und lösen stattdessen die Reisegruppe Kaltland auf. Antifaschist*innen bleiben wir weiterhin, ebenso werden wir aktiv bleiben. Nur eben nicht in der Zusammensetzung, unter dem Konsens und mit den Zielen der Reisegruppe Kaltland. Wir wollen uns die Möglichkeit offen lassen, dass eine völlig neue Struktur entsteht, die uns im besten Fall selbst positiv überrascht.

Was wir euch mit auf den Weg geben wollen

Jaja, jetzt kommen sie, die Ratschläge derer, die sich als alte Hasen fühlen. Wir wollen euch nicht belehren, sondern euch vor allem die deutlichste Wertschätzung aussprechen und mit ihr die Hoffnung, dass ihr aktiv bleibt und dabei nicht die gleichen Fehler macht wie wir. Darum:

Macht weiter mit eurer Arbeit, wenn ihr sie weitermachen möchtet, wenn ihr sie für wichtig haltet und schätzt, was ihr macht. Hinterfragt euch immer wieder selber, ob ihr zufrieden seid mit dem, was ihr grade tut. Und wenn nicht, dann ändert etwas dran – nicht erst nach dem zigsten Streit, nicht erst nach der zigsten auslaugenden Aktion, sondern genau dann, wenn der Schuh drückt. Achtet euren Gruppenkonsens und stellt ihn zur Debatte, wenn er euch nicht mehr passt, anstatt ihn einfach zu überschreiten. Scheut euch nicht davor, euch und eure Arbeit zu verändern. Seid achtsam und reflektiert eure Möglichkeiten und eure Grenzen. Gebt ruhig zu, wenn ihr etwas nicht leisten könnt oder wollt. Geht ehrlich und wertschätzend miteinander um, seid solidarisch, lasst interne persönliche Grenzüberschreitungen sein und wehrt euch gegen sie. Sachsen bleibt scheiße und seine Umgebung macht kräftig mit. Seid euch bewusst, dass eure antifaschistische Arbeit wichtig ist und wichtig bleibt. Pflegt alte Kontakte und Netzwerke und baut neue auf.

Wir machen es wie die Brausetablette: Wir lösen uns auf und sprudeln fröhlich in alle Richtungen.

cu hegdl :*

Video von 4 Gläser mit Brausetabletten die sprudeln und dazu Text
Wir machen es wie die Brausetablette. Wir lösen uns auf und sprudeln fröhlich in alle Richtungen.

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